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Der Grund des Glaubens - oder warum ein Sünder es wagt, an den Herrn Jesus Christus zu glauben

Ich habe bereits gesagt, daß niemand an Jesus glauben wird, wenn er nicht fühlt, daß er ihn braucht. Ich habe es auch oft gesagt, und ich wiederhole es noch einmal, daß ich nicht mit der Bitte zu Christus komme, mein Bedürfnis für ihn zu fühlen; ich glaube nicht an Christus, weil ich fühle, daß ich ihn brauche, sondern weil ich ihn tatsächlich brauche. Kein Mensch kommt als empfindsamer Sünder zu Jesus, sondern als Sünder, und nur als Sünder. Er wird nicht kommen, wenn er nicht erweckt ist; aber wenn er kommt, dann sagt er nicht: „Herr ich komme zu dir, weil ich ein erweckter Sünder bin, rette mich.“ Nein, er sagt: „Herr, ich bin ein Sünder, rette mich.“ Nicht sein Erwachen, sondern das Eingeständnis seiner Sündhaftigkeit ist der Weg, auf dem er kommen kann.

Sicher verstehst du, was ich meine. Unverständlich wird es erst, wenn ich mich nach den Predigten vieler Pfarrer richte, die einem Sünder sagen: „Jetzt, wenn du fühlst, daß du Christus brauchst, wenn du intensiv Buße getan hast, wenn du durch das Gesetz bis zum Äußersten gequält worden bist, dann kannst du aufgrund dessen zu Christus kommen, daß du ein erweckter Sünder bist.“ Das halte ich für falsch. Kein Mensch kann aufgrund dessen, daß er ein erweckter Sünder ist, zu Christus kommen; er muß als Sünder zu ihm kommen. Wenn ich zu Jesus komme, weiß ich, daß ich nicht kommen kann, bevor ich erweckt bin, aber trotzdem komme ich nicht als erweckter Sünder. Ich stehe nicht am Fuß seines Kreuzes und werde gereinigt, weil ich Buße getan habe; wenn ich komme, dann bringe ich nichts als Sünde. Die Erkenntnis der eigenen Not ist ein wertvolles Gefühl, aber wenn ich am Fuß des Kreuzes stehe, glaube ich nicht an Christus, weil ich so ein wertvolles Gefühl habe, sondern ich glaube an ihn, ob ich wertvolle Gefühle habe oder nicht.

 So wie ich bin, so muß es sein,
 nicht meine Kraft, nur du allein,
 dein Blut wäscht mich von Flecken rein,
 O Gottes Lamm, ich komm, ich komm!

Manch ein hervorragender Prediger hat beschrieben, was ein Mensch empfinden muß, bevor er es wagen darf, zu Christus zu kommen. Aber ich wage zu behaupten, daß all dies nicht biblisch ist. Sünder fühlen diese Dinge, bevor sie kommen, aber sie kommen nicht aufgrund ihrer Gefühle; sie kommen aufgrund dessen, daß sie Sünder sind und nur deshalb.

Das Tor der Gnade steht offen, und darüber ist geschrieben: Das Wort ist gewiß und aller Annahme wert, daß Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten.“ Zwischen den Worten „Sünder“ und „erretten“ steht kein Adjektiv. Es heißt nicht „reumütige Sünder“, „erweckte Sünder“ oder „beunruhigte Sünder“. Nein, es heißt nur „Sünder“, und ich weiß genau, wenn ich komme, komme ich heute zu Christus, denn ich empfinde es genauso notwendig, heute zum Kreuz Christi zu kommen, wie es vor zehn Jahren notwendig war. Wenn ich zu ihm komme, wage ich das nicht als erkenntnisreicher oder erweckter Sünder, sondern ich muß immer noch als Sünder mit leeren Händen kommen.

Der Glaube richtet sich direkt an Christus. Ich weiß, daß hunderte von armen Leuten beunruhigt sind, weil ihr Pastor gesagt hat: „Wenn du deine Not fühlst, kannst du zu Christus kommen.“ – „Aber“, sagen sie, „ich empfinde meine Not nicht stark genug: ich bin sicher, es reicht noch nicht.“ Ich habe jede Menge Briefe von gewissensgeplagten Menschen erhalten, die gesagt haben: „Ich würde es ja riskieren zu glauben, daß Christus mich rettet, wenn ich nur ein empfindliches Gewissen hätte oder ein weiches Herz; aber oh weh, mein Herz ist wie ein Eisberg, der nicht schmelzen will. Ich kann nicht empfinden, wie ich es möchte, und kann deshalb nicht an Jesus glauben.“

Weg damit, endlich weg damit! Das ist ein falscher Christus; das ist glattes Pfaffentum! Es ist nicht dein weiches Herz, das dich dazu berechtigt zu glauben. Du mußt an Christus glauben, damit er dein hartes Herz erneuert, und zu ihm kommen allein mit deiner Sünde.

Der Grund, warum ein Sünder zu Christus kommt, ist seine Schlechtigkeit, daß er tot ist, und nicht daß er weiß, daß er tot ist; daß er verloren ist und nicht daß er weiß, daß er verloren ist. Natürlich wird er nicht kommen, bis er weiß, aber das ist nicht der Grund, warum er kommt. Es ist ein geheimer Beweggrund, aber nicht der offensichtliche Grund, den er versteht. An diesem Punkt war ich jahrelang zu ängstlich, um zu Jesus zu kommen, weil ich dachte, nicht genug zu empfinden. Als ich an Christus glaubte, dachte ich, gar nichts zu empfinden. Jetzt, wenn ich zurücksehe, merke ich, daß ich die ganze Zeit schmerzlich und intensiv empfunden hatte, und am meisten, weil ich dachte, daß ich nichts fühlen könnte. Im allgemeinen denken die Menschen, die am meisten Buße tun, sie wären unbußfertig, und Menschen empfinden ihre Nöte am deutlichsten, wenn sie denken, sie würden gar nichts mehr fühlen, denn wir können unsere Gefühle nicht beurteilen. So erfolgt auch die Einladung des Evangeliums nicht aufgrund von irgend etwas, das wir beurteilen können, sondern steht auf dem Grund unserer absoluten Sündhaftigkeit.

„Gut“, sagt jemand, „aber es heißt doch ’Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben’ (Matthäus 11, 28) – also müssen wir doch mühselig und beladen sein.“ Genauso sagt es dieser Text, aber es gibt viele andere Einladungen zum Glauben in der Bibel, die nichts von „Mühseligen und Beladenen“ sagen.

Übrigens, auch wenn die Einladung hier den Mühseligen und Beladenen gilt, wirst du erkennen, daß ihnen die Verheißung nicht als Mühseligen und Beladenen gilt, sondern als zu Christus Kommenden. Sie wußten gar nicht, daß sie mühselig und beladen waren, als sie kamen, sie dachten nicht daran. Sie waren es, aber Teil ihrer Mühsal war, daß sie nicht so mühselig sein konnten wie sie wollten, und Teil ihrer Last war, daß sie ihre Last nicht genug fühlten. Sie kamen so wie sie waren zu Christus, und er rettete sie, nicht weil ihre Mühsal irgendeine anerkennenswerte Leistung war oder ihre Belastung irgendeine Wirksamkeit hätte, sondern er rettete sie als Sünder, als totale Sünder, und so wurden sie in seinem Blut gewaschen und gereinigt. Lieber Leser, diese Wahrheit möchte ich dir deutlich machen. Wenn du als totaler Sünder zu Christus kommen willst, wird er dich nicht ausstoßen. Ein alter Prediger sagt im Gottesdienst zu genau diesem Punkt: „Ich behaupte, ganz egal, wer du bist, wenn du zu Christus kommst, und er dich nicht annimmt, dann hält er sich nicht an sein Wort, denn er sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Johannes 6,37). Wenn du kommst, kümmere dich nicht um Voraussetzungen und Vorbereitungen. Er braucht keine Vorarbeit an Taten oder Gefühlen. Du sollst nur kommen, wie du bist. Und wenn du der größte Sünder der Hölle bist, kannst du doch genauso zu Christus kommen, wie der moralisch hochstehendste und hervorragendste Mensch.

Dort ist ein Bad. Wer ist zum Waschen bereit? Der Schmutz eines Menschen spricht nicht dagegen, daß er gewaschen wird, sondern ist ein klarer Grund dafür. Als unser Stadtrat die Armen unterstützte, sagte niemand: „Ich bin so arm, ich bin gar nicht darauf vorbereitet, die Unterstützung zu bekommen.“ Deine Armut ist deine Vorbereitung. Der Schwarze ist hier weiß. Welch seltsamer Widerspruch! Alles, was du Christus bringen kannst, sind deine Sünde und deine Bosheit. Ales, was er verlangt, ist, daß du mit leeren Händen kommst. Wenn du nichts zu bieten hast, mußt du genau so bleiben, bevor du kommst. Wenn etwas Gutes in dir ist, kannst du Christus nicht vertrauen, du mußt mit leeren Händen kommen. Nimm ihn als dein ein und alles an. Das ist der einzige Grund, auf dem eine verlorene Seele gerettet werden kann – als Sünder und nur als Sünder.
 

(Glaube nur - von C.H. Spurgeon)