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Drei Mißstände des Glaubens - von C.H. Spurgeon 

Erstlich in Bezug auf den suchenden Glauben. Die Macht des suchenden Glaubens liegt darin, daß er einen Menschen ins Gebet treibt. Und hier zeigt sich der Übelstand; denn wenn wir anfangen wollen, so setzen wir das Beten gar zu gerne aus. Wie oft flüstert der Teufel einem Menschen ins Ohr: „Bete nicht, es nützt nichts. Du weißt ja doch, daß du nicht in den Himmel kommst!“ Oder wenn der Mensch glaubt, er sei erhört worden, so sagt der Satan: „Du brauchst nicht mehr zu beten, du hast jetzt, was du gewollt hast.“ oder wenn er nach monatelangem Seufzen und Flehen keine Segen empfangen hat, so flüstert der Satan: „Wie töricht bist du, daß du so lange vor der Gnadentüre stehst! Mach doch hinweg! Mach' dich fort! Jene Türe ist vernagelt und verrammelt, und du wirst nie Erhörung finden.“ Ach, teure Freunde! Wenn ihr diesem Übelstande ausgesetzt seid, während ihr Christum sucht, so bitte ich euch, seufzet dagegen, kämpfet dagegen; höret nicht auf mit Beten. Ein Mensch kann nie im Strom des göttlichen Zorns versinken, so lange er noch seufzen und flehen kann. So lange ihr noch zu Gott um Gnade schreien könnt, wird sich die Gnade nie entziehen.

O, laßt euch den Satan nicht von der verschlossenen Pforte verscheuchen, sondern dringet hinein, ob er will oder nicht. Gebt nur euer Gebet auf, so besiegelt ihr eure eigenen Verdammnis; verzichtet auf das Gebet im Kämmerlein, so verzichtet ihr dann auf Christum und den Himmel. Haltet ihr aber am Gebet fest, so muß euch der Segen zu Teil werden, ob es sich auch verzieht; wenn die Zeit erfüllet ist, muß er euch werden.

Derjenige Mißstand, der am ehesten die Gläubigen der zweiten Stufe trifft, - nämlich die, welche völlig auf Christum vertrauen, ist das Verlangen nach Zeichen und Wundern, ohne die sie nicht glauben wollen. In der ersten Zeit meines Predigeramts mitten unter einer ländlichen Bevölkerung besuchte ich besonders solche Personen, welche sich für wahre Christen hielten, weil sie Zeichen und Wunder gesehen hätten; und damals wurden mir von ersten und achtungswerten Leuten die lächerlichsten Geschichten erzählt, um damit zu bekräftigen, daß sie glaubten, sie werden selig. Man erzählte mir etwa Folgendes: „Ich glaube, daß mir meine Sünden vergeben sind.“ Warum? „Sehen Sie, ich war unten im Hinterhofe und sah eine große Wolke und dachte, Gott kann machen, daß diese Wolke sich verzieht, wenn es ihm wohlgefällt; und die Wolke verzog sich; und ich dachte, mit der Wolke seien auch meine Sünden hinweggenommen worden, und bin seitdem von jedem Zweifel befreit.“ Ich aber dacht: Ja, da haben Sie erst recht Ursache zum Zweifeln, weil das so närrisch und unvernünftig ist. Sollte ich euch alle die Torheiten und Einbildungen erzählten, welche einige Leute in ihren Köpfen herumtrugen, so würdet ihr lächeln, aber es würde euch zu nichts dienen. Gewiß jedoch ist's, daß viele Menschen eine grundlose Geschichte, irgend eine sonderbare Vorstellung begierig ergreifen, um dann daraus zu schließen, daß sie auf Christum trauen. Ach, meine lieben Freunde! Wenn ihr keinen bessern Grund habt eures Glaubens, Christo anzugehören, als einen Traum oder eine Erscheinung, dann ist's hohe Zeit, noch einmal von vorne anzufangen. Ich gebe euch zu, es hat welche gegeben, die erweckt, erleuchtet, ja vielleicht bekehrt worden waren durch merkwürdige Bilder ihrer Phantasie; wenn ich euch aber auf dergleichen verlassen wollt, als auf Gnadenpfänder Gottes, wenn ihr sie als Beweise eurer Seligkeit betrachtet, dann, sage ich euch, verlasset ihr euch auf einen leeren Traum, auf eine Täuschung.

Ebenso gut mögt ihr ein Schloß in die Luft, oder ein Haus auf Sand bauen, Nein, wer an Christum glaubt, glaubt an ihn, weil er es sagt, und weil es hier im Worte Gottes geschrieben steht; er glaubt nicht, weil er so und so geträumt hat, oder weil er eine Stimme hörte (es war vielleicht der Gesang einer Amsel), oder weil er meinte, am Himmel einen Engel zu erblicken, während, was er sah, nur eine Staubwolke von besonderer Form sein mochte. Nein, wir müssen mit diesem Verlangen nach Wundern und Zeichen brechen. Wenn sie eintreffen, dann seien wir dafür dankbar, haben wir sie nicht, so trauet einfach auf die Schrift, welche spricht: „Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben“ (Mat.12,31). Ich möchte damit nicht irgend ein zartes Gewissen verletzen, das vielleicht in solch besonderen Wundern einen kleinen Trost gefunden hat; aber ich sage es einfach und aufrichtig, und wenn sich auch Einer oder der Andere dadurch sollte verletzt fühlen: Ich warne euch ernstlich davor, euch nicht auf irgend etwas zu verlassen, was ihr geträumt, gesehen oder gehört. Dies Buch ist das feste Wort des Zeugnisses, „darauf ihr wohl tut zu achten, als auf eine Leuchte, die scheint als an einem dunkeln Ort“ (2. Petr.1,19). Vertraue auf den Herrn; harre geduldig auf ihn; wirf all dein Vertrauen auf den, auf welchen er all deine Sünden gelegt hat, nämlich, auf Christus Jesus allein, so wirst du selig werden, mit oder ohne irgendeines dieser Wunder.

 

Es hat mich betrübt und erschreckt, daß etliche Christen dieser Stadt in eben diesen Irrtum verfallen sind, Zeichen und Wunder sehen zu wollen. Sie sind zu besonderen Gebetsversammlungen zusammengekommen, um eine Erweckung zu veranlassen; und weil die Leute nicht ohnmächtig niedergefallen sind und nicht geächzt und gestöhnt und geschrien haben, so haben sie vielleicht gemeint, es habe keine Erweckung stattgefunden. O, daß wir doch Augen hätten, Gottes Gaben so anzusehen, wie es Gott wohlgefällt, sie zu gewähren! Wir bedürfen nicht jener Erweckung des irischen Nordens; wie bedürfen der Erweckung in ihrer ganzen Kraft, aber nicht unter jener besonderen Gestalt. Wenn der Herr sie unter einer andern sendet, so sollen wir uns nur um so mehr darüber freuen, daß jene außerordentlichen Wirkungen auf den Körper sich nicht zeigen. Wo der Heilige Geist an einer Seele arbeitet, freuen wir uns immer über eine wahrhafte Bekehrung, und wenn er auch in der Gemeinde unserer Stadt wirksam ist, so freuen wir uns, dessen Zeuge sein zu dürfen. Wenn der Menschen Herzen erneuert werden, was tut es, wenn es im Stillen geschieht? Wenn die Gewissen der Menschen aufgeweckt werden, was tut es, wenn diese dabei nicht in Ohnmacht fallen? Wenn sie nur Christum finden; wen verdrießt es dann, daß sie nicht fünf oder sechs Wochen lang bewegungs- und bewußtlos daliegen? Gebt euch zufrieden ohne Zeichen und Wunder. Was mich betrifft, so gräme ich mich nicht darum. Ich möchte so gerne Gottes Werk auf Gottes eigene Weiße vor sich gehen sehen - eine wahrhafte und durchgreifende Erweckung; aber ohne die Zeichen und Wunder können wir wohl sein, denn sie werden vom Gläubigen gewiß nicht verlangt, sie werden aber nur das Gelächter der Ungläubigen sein.

Nachdem wir von diesen zwei Mißständen gesprochen haben, wollen wir den dritten nur andeuten. Es ist also ein dritter, welcher uns auf dem Wege nach der höchsten Stufe des Glaubens, der Zuversicht, aufstößt, und der ist Mangel an Achtsamkeit. Der Königliche in unserem Text erkundigte sich genau nach dem Tag und der Stunde der Genesung seine Sohnes. Dadurch gewann er Zuversicht des Glaubens. Wir aber achten nicht so sehr, als wir sollten, auf das Walten Gottes. Unsere teuren puritanischen Voreltern pflegten bei regnerischer Witterung zu sagen, Gott habe die Schleusen des Himmels geöffnet. Wenn es heutzutage regnet, so denken wir, die Dünste der Wolken hätten sich verdichtet. Wenn sie das Heu ihrer Wiesen gemäht hatten, so pflegten sie den Herrn anzuflehen, er wolle der Sonne gebieten zu scheinen. Wir denken uns vielleicht klüger, und wir achten es kaum der Mühe wert, um solche Dinge zu bitten, weil wir denken, sie kommen von selbst im Gang der Natur. Sie glaubten, Gott sei in jedem Sturm, ja in jeder Staubwolke. Sie sprachen bei allen Dingen von Gottes Gegenwart, wir aber sprechen von ihnen als von Naturgesetzen, als ob Gesetze etwas wären, ohne daß einer vorhanden ist, der sie vollzieht; als ob eine geheime Kraft die ganze Einrichtung der Natur in Bewegung setzte. Wir erlangen unsere Zuversicht darum nicht, weil wir nicht fleißig genug aufmerken. Wenn ihr die Macht der Vorsehung Tag für Tag wolltet beobachten, wenn ihr Acht hättet auf die Erhörung eurer Gebete, wenn ihr irgend etwas davon in das Buch eurer Erinnerung niederlegen würdet, Gottes beständige Gnadenerweisungen gegen euch, so meine ich, ihr würdet werden wie jener Vater, der zur völligen Glaubenszuversicht geführt ward, weil er darauf achtete, daß dieselbe Stunde, wo Jesus mit ihm sprach, auch die Stunde der Genesung war. Sei wachsam, o Christ. Wer auf die Vorsehung achtet, wird nie einer Vorsehung mangeln, die auch auf ihn achtet.

Darum hütet euch vor diesen drei Mißständen; vor dem Laschwerden im Gebet, vor dem Verlangen nach Zeichen und Wundern und vor der Gleichgültigkeit gegen die Offenbarung der Wege Gottes.

(aus der Predigt "Kennzeichen des Glaubens" von Spurgeon über Johannes 4,48)


"Da sprach Jesus zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht!"  (Joh. 4,48)
"Jesus spricht zu ihm: Thomas, du glaubst, weil du mich gesehen hast; glückselig sind, die nicht sehen und doch glauben!" (Joh. 20,29)