default_mobilelogo

"So wie ich bin, ganz arm und siech,
Nur weil Dein Blut, Herr, floß für mich,
Und weil Du rufst so gnädiglich,
O Gottes Lamm, ich komm, ich komm!"

Diese Strophe, die Charlotte Elliot im neunzehnten Jahrhundert schrieb, ist bei evangelistischen Veranstaltungen wohl sehr häufig gesungen worden. Der Gedanke, der diesen Worten zugrunde liegt, ist herrliche biblische Wahrheit: Sünder dürfen, so wie sie sind – nur aufgrund des Glaubens – zu Christus kommen, und Er wird sie retten. Der Herr selbst hat in Johannes 3,16 die wunderbare Verheißung gegeben: »Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.« Und in Johannes 6,37 sagt Jesus: »Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.«

Die Erosion des Evangeliums in unseren Tagen hat diese Wahrheit heimtückisch verdreht. Die Sprache der modernen Botschaft klingt auch so ähnlich wie »so wie ich bin«, doch ist der Bedeutungswandel riesig. Die Sünder hören heute nicht nur, daß der Herr sie annimmt, wie sie sind, sondern daß Er sie auch so bleiben läßt! Viele glauben irrtümlich, sie könnten zu Christus kommen, Vergebung und ewiges Leben empfangen, und dann ihr bisheriges Leben fortsetzen. Wenn es ihnen gefällt, können sie sogar »Gott links liegen lassen und nach ihrer alten Natur leben«. Vor einigen Jahren baten mich die Leiter einer internationalen Jugendorganisation, einen Lehrfilm zu begutachten, den sie drehen wollten. Es ging darin um Evangelisation. Der Film unterwies die jungen Mitarbeiter, unbekehrten jungen Leuten nicht zu sagen, sie müßten Christus gehorchen, Ihm ihr Herz und ihr Leben übergeben, ihre Sünden bekennen, sich Seiner Herrschaft unterstellen und Ihm folgen.

Den Unbekehrten das zu sagen, würde die Botschaft des Evangeliums verwirren, hieß es in dem Film. Er schlug vor, nur die objektiven Daten über Jesu Tod zu lehren (wobei die Auferstehung unerwähnt blieb) und auf die Notwendigkeit des Glaubens hinzuweisen. Die Aussage des Films hieß: Rettender Glaube besteht im Verstehen und Annehmen der Tatsachen des Evangeliums. Ich war auf einer Bibelkonferenz, wo ein bekannter Redner über die Errettung predigte. Er meinte, unbekehrten Menschen von der Übergabe an Christus zu sagen, käme der Predigt von Werksgerechtigkeit gleich. Er beschrieb die Errettung als die bedingungslose Gabe des ewigen Lebens an alle, die den Fakten über Jesus glaubten, ob sie Ihm gehorchen wollten oder nicht. Einer der Hauptpunkte war, daß die Errettung das Verhalten eines Menschen verändern mag, es aber nicht notwendigerweise verändern muß. Umgestaltung des Wesens ist wünschenswert, sagte er, doch kann auch der, bei dem sich nichts ändert, in der Sicherheit ruhen, einst in den Himmel zu kommen, wenn er den Tatsachen des Evangeliums glaubt.

Große Scharen nehmen Christus zu diesen Bedingungen an. Mit dem Gedanken, Er werde nicht nach ihren Sünden fragen, wollen sie gern Christen sein. Sie haben kein Empfinden für die Last ihrer Schuld vor Gott und darum kein Verlangen, von den Fesseln der Sünde befreit zu werden. Doch sind sie von einem korrumpierten Evangelium betrogen worden. Ihnen wurde gesagt, der Glaube allein errette sie; aber weder besitzen sie wahren Glauben, noch wissen sie, was er ist. Der »Glaube«, auf den sie sich stützen, ist nur die intellektuelle Anerkennung einer Reihe von Tatsachen. Das wird sie nicht retten.

Ewiges Leben von totem Glauben?

Nicht jeder Glaube erlöst. Jakobus 2,14-26 sagt, Glaube ohne Werke sei tot und kann nicht retten. Jakobus beschreibt einen solchen nebulösen Glauben als reine Heuchelei. Nur verstandesmäßige Zustimmung, der es jeglicher Bestätigung durch Werke ermangelt, unterscheidet sich in nichts von dem Glauben, den die Dämonen haben. Selbstverständlich gehört zum rettenden Glauben mehr als die Anerkennung einer Reihe von Tatsachen. Glaube ohne Werke ist nutzlos.

Trotzdem lehnen einige heutige Evangelisten jede Beziehung zwischen Glauben und Werken ab. Dadurch sind sie gezwungen, tatsächlich jedes Glaubensbekenntnis für das zu halten, was Gott von uns fordert. Wenigstens ein Schreiber behauptet ausdrücklich, toter Glaube könne retten. Ein anderer erklärt: »Was immer Jakobus 2,14-26 bedeuten mag; es kann nicht heißen, gute Werke seien der eigentliche Beweis für wahren Glauben.« Andere erkennen die Nutzlosigkeit eines Glaubens an, der nichts als ein akademisches Zur-Kenntnis-Nehmen der Wahrheiten ist, scheuen sich aber gleichzeitig, den Glauben als Hingabe und Auslieferung des Lebens zu definieren.

Tatsächlich wird allgemein angenommen, Glaube und Lebensübergabe hätten nichts miteinander zu tun. Die typische Vorstellung von Glauben beschränkt diesen auf einen augenblicklichen Akt, der sich im Kopf vollzieht, bei dem man sich entscheidet, die Fakten des Evangeliums für wahr zu halten. Er ist dann »nichts weiter, als die Antwort auf eine göttliche Initiative«. Hierin liegt der Irrtum der heute populären Betrachtung dessen, was Evangelisation eigentlich ist. Die Verkündigung wird von einer vollkommen unangemessenen Ansicht über den Glauben bestimmt. Die moderne Definition des Glaubens schaltet die Buße und die moralischen Aspekte aus, verhindert das Werk Gottes an dem Herzen des Sünders und überläßt das fortdauernde Vertrauen auf den Herrn der Freiwilligkeit.

Weit davon entfernt, die Wahrheit zu stützen, menschliche Werke hätten mit der Errettung nichts zu tun, ist der moderne Billigglaube ein rein menschliches Werk, eine zerbrechliche und zeitweilige Eigenschaft, die andauern kann oder auch nicht. Aber es ist keine biblische Anschauung, wenn man sagt, man brauche den Glauben nur im Augenblick der Errettung und dann nie wieder. Die Beständigkeit des rettenden Glaubens wird durch die Gegenwartsform des griechischen Verbs pisteuo (glauben, treu sein) im ganzen Johannesevangelium unterstrichen (siehe 3,15-18.36; 5,24; 6,35.40.47; 7,38; 11,25.26; 12,44.46; 20,31; ebenso Apg 10,43; 13,39 und Röm 1,16; 3,22; 4,5; 9,33; 10,4.10.11). Wäre der Glaube ein einmaliger Akt, stünde an diesen Stellen der Aorist. Paulus sagt dies alles sehr deutlich in 2. Timotheus 2,12: »Wenn wir ausharren, werden wir auch mitherrschen; wenn wir verleugnen, so wird auch er uns verleugnen.«

Ausharren ist das Kennzeichen derer, die mit Christus in Seinem Reiche herrschen werden. So ist es also klar, daß Beständigkeit den wahren Gläubigen kennzeichnet, während Treulosigkeit und Abfall ein ungläubiges Herz offenbaren. Wer Christus verleugnet, den wird auch Er verleugnen. Paulus fährt fort: »Wenn wir untreu sind – er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen« (Vers 13). Somit ist Gottes Treue ein wunderbarer Trost für den Ihm ergebenen, fest bleibenden Glaubenden, aber eine schreckliche Warnung für falsche Bekenner. Weil Er Sich Selbst treu bleibt, wird Er sie verdammen (siehe Joh 3,17.18).

Glaube, wie ihn die Schrift beschreibt

Wir haben bereits gesehen, daß die Buße ein entscheidendes Element echten Glaubens ist, und daß sie von Gott gewährt wird. Sie ist kein Menschenwerk (Apg 11,18; 2Tim 2,25). Genauso ist der Glaube eine übernatürliche Gabe Gottes. Bekannt ist die Stelle aus Epheser 2,8.9: »Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, auf daß niemand sich rühme.« Was ist die »Gabe Gottes«, von der Paulus spricht? Westcott nennt es »die rettende Kraft des Glaubens«. Der Ausdruck »nicht aus euch« bezieht sich nach dem sprachlichen Befund nicht nur auf den Glauben. Paulus nennt hier offensichtlich den ganzen Prozeß von Gnade, Glauben und Errettung die Gabe Gottes.

Der Abschnitt lehrt, daß der Glaube nichts vom menschlichen Willen Herbeigerufenes, sondern eine souverän gewährte Gabe Gottes ist (siehe Phil 1,29). Jesus sagte: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben« (Joh 6,47). Aber im gleichen Zusammenhang sagt Er: »Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, daß der Vater, der mich gesandt hat, ihn ziehe« (Joh 6,44). Gott zieht den Sünder zu Christus und gibt ihm auch die Fähigkeit zu glauben. Ohne den göttlich gewährten Glauben kann man weder den Erretter begreifen, noch Ihm nahen. So sagte der Herr zum Beispiel zu Petrus, als dieser seinen Glauben an Christus als den Sohn Gottes bekannte: »Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist« (Mt 16,17). Petrus hatte seinen Glauben von Gott selbst empfangen.

Als eine göttliche Gabe ist der Glaube aber niemals nur vorübergehend oder kraftlos. Er ist von bleibender Qualität, die sein Durchhalten bis ans Ende sicherstellt. Die bekannte Stelle aus Habakuk 2,4: »Der Gerechte wird durch seinen Glauben leben« (siehe Röm 1,17; Gal 3,11; Hebr 10,38), spricht nicht von einem augenblicklichen Glaubensakt, sondern von einem lebenslangen Gottvertrauen. Hebräer 3,14 unterstreicht die Beständigkeit echten Glaubens, indem dort gerade die Dauerhaftigkeit als Beweis für seine Wirklichkeit angeführt wird: »Denn wir sind Genossen des Christus geworden, wenn wir anders den Anfang der Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten.« Der gottgewirkte Glaube kann sich nicht verflüchtigen. Und das Werk der Errettung, das Gott mit der Gabe des Glaubens beginnt, kann nicht am Ende umsonst gewesen sein.

In Philipper 1,6 schreibt Paulus: »In dem ich eben dessen in guter Zuversicht bin, daß der, welcher ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollführen wird bis auf den Tag Jesu Christi« (siehe auch 1Kor 1,8; Kol 1,22.23). Der von Gott dargereichte Glaube enthält sowohl den Willen, als auch die Fähigkeit, Seinem Willen zu entsprechen (siehe Phil 2,13). Mit anderen Worten: Der Glaube schließt den Gehorsam ein. Berkhof erkennt in wahrem Glauben drei Elemente: ein intellektuelles Element (notitia), das ist das Begreifen der Wahrheit; ein gefühlsmäßiges Element (assensus), die Überzeugung vom Glauben und dessen Bestätigung; schließlich ein willentliches Element (fiducia), die Entscheidung des Willens, der Wahrheit zu gehorchen.

Die moderne populäre Theologie neigt dazu, die notitia und oft auch den assensus gelten zu lassen, doch die fiducia auszuschalten. Doch ist der Glaube ohne den Gehorsam unvollkommen. W.E. Vine kommt zu dem gleichen Schluß, wenn er die Hauptbestandteile des Glaubens aufzählt: »Eine feste Überzeugung … eine persönliche Übergabe … (und) ein Verhalten, das von einer solchen Übergabe geprägt ist.« In einer Abhandlung über das Verb »gehorchen« (peitho) schreibt er: »Peitho und pisteuo sind ethymologisch eng miteinander verwandt. Der Bedeutungsunterschied liegt darin, daß das erste Wort auf den Gehorsam hinweist, der durch das zweite hervorgerufen wird, siehe Hebräer 3,18.19, wo der Ungehorsam der Israeliten als Beweis für ihren Unglauben angesehen wird … Wenn ein Mensch Gott gehorcht, so gibt es dafür nur eine mögliche Erklärung: In seinem Herzen ist der Glaube an Gott … Peitho beschreibt im Neuen Testament ein äußeres Betragen, das sich aus der inneren Überzeugung und durch den Glauben ergibt.«

Wer wirklich glaubt, gehorcht auch. Weil wir alle die Spuren des sündigen Fleisches an uns tragen, wird niemand vollkommen gehorsam sein (siehe 2Kor 7,1; 1Thes 3,10); aber der Wunsch zu gehorchen, wird bei wahren Gläubigen immer vorhanden sein (siehe Röm 7,18).14 Der Glaube sehnt sich nach Gehorsam. Ein Glaubenskonzept, das den Gehorsam ausschließt, verdirbt die Botschaft von der Errettung. Paulus lehrt, daß dem Evangelium zu gehorchen sei (Röm 10,16; 2Thes 1,8). In Römer 6,17 beschreibt er die Bekehrung als Gehorsam: »Gott aber sei Dank, daß ihr Sklaven der Sünde waret, aber von Herzen gehorsam geworden seid.« Das gesuchte Ergebnis seines Evangelistendienstes war »Gehorsam … durch Wort und Werk« (Röm 15,18), und wiederholt schrieb er vom »Glaubensgehorsam« (Röm 1,5; 16,26).

So ist es klar: Das biblische Konzept des Glaubens ist nicht vom Gehorsam zu trennen. In Johannes 3,36 ist »glauben« sogar als Synonym für »gehorchen« aufzufassen: »Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt (wörtl: nicht gehorcht), wird das Leben nicht sehen.« Apostelgeschichte 6,7 zeigt uns, wie die frühe Kirche die Errettung auffaßte: »Eine große Menge … wurde dem Glauben gehorsam.« Gehorsam ist ein so fester Bestandteil des rettenden Glaubens, daß Hebräer 5,9 ihn sogar so nennt: »Vollendet worden ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.« Hebräer 11, die große Abhandlung über den Glauben, präsentiert diesen untrennbar vom Gehorsam: »Durch Glauben war Abraham … gehorsam« (Vers 8). Und nicht nur Abraham, sondern alle in diesem Kapitel aufgeführten Glaubenshelden bewiesen ihren Glauben durch Gehorsam.

Als Kommentar zu diesem Abschnitt sagt ein führendes theologisches Lexikon: »Glauben heißt gehorchen.« Gehorsam ist die unvermeidliche Offenbarung des Glaubens. Paulus stellt das in seinem Brief an Titus fest, wenn er über die »Befleckten« und »Ungläubigen« sagt: »Sie geben vor, Gott zu kennen, aber in den Werken verleugnen sie ihn« (Tit 1,15.16).16 Ihr Ungehorsam war für Paulus der Beweis ihres Unglaubens. Ihre Taten verleugneten Gott lauter, als ihre Worte Ihn bekannten. Das ist für den Unglauben stets kennzeichnend, nicht für den Glauben; denn zu dem gehören immer gerechte Werke. Wie die Reformatoren gerne sagten, kommt die Errettung aus dem Glauben allein, doch der rettende Glaube kommt niemals allein. Spurgeon sagte: »Obwohl wir überzeugt sind, daß die Menschen nicht ihrer Werke wegen errettet werden, so sind wir doch genauso sicher, daß niemand ohne sie errettet wird.«

Wahrer Glaube zeigt sich immer in Gehorsam. Glaube und Treue waren für die Christen des ersten Jahrhunderts keine wirklich verschiedenen Konzepte. Tatsächlich wird in unseren Bibeln dasselbe Wort einmal so und dann wieder so übersetzt. Wenn Lightfoot in seinem Galater-Kommentar über den Glauben schreibt, heißt es (sinngemäß auf das Deutsche übertragen): Das griechische pistis… (auf deutsch »Glaube«) bewegt sich zwischen zwei Bedeutungen: Vertrauen als der Sinneshaltung, mit der man sich aufeinander verläßt, und Vertrauenswürdigkeit als der Sinneshaltung, auf die man sich verlassen kann. Diese beiden Begriffe sind nicht nur grammatisch miteinander verbunden, indem das eine den aktiven, das andere den passiven Wortsinn wiedergibt, auch nicht nur logisch als Subjekt und Objekt derselben Handlung; es besteht auch ein enger moralischer Zusammenhang zwischen beiden.

Treue, Beständigkeit, Festigkeit, Zuversicht, Verlaß, Hoffnung, Vertrauen – das sind die Verbindungsstücke zwischen den beiden Extremen, der passiven und der aktiven Bedeutung des Wortes »Glauben«. Wegen dieser Verbindung sind die zwei Bedeutungen manchmal so miteinander verwoben, daß man sie nur mit einiger Willkür trennen kann … In all solchen Fällen ist es besser, die ganze Bandbreite, selbst einige Unschärfe, des Begriffs hinzunehmen, als zu versuchen, ihn gewaltsam auseinanderzupflücken … Und in der Tat wird der Verlust an grammatischer Präzision durch den Gewinn an theologischer Tiefe mehr als aufgewogen. Bringt nicht zum Beispiel bei den »Glaubenden« eine Herzensqualität die andere mit sich? Wer vertraut, ist auch vertrauenswürdig, und wer an Gott glaubt, bleibt standhaft und unbeweglich auf dem Pfade der Pflicht. So sind die Gläubigen (Gott Vertrauenden) immer auch Gläubige (vertrauenswürdig Handelnde). »Treue, Beständigkeit, Festigkeit, Zuversicht, Verlaß, Hoffnung, Vertrauen« sind untrennbar mit der Vorstellung vom »Glauben« verbunden.

Eine gerechte Lebensführung ist das unvermeidliche Nebenprodukt wahren Glaubens (Röm 10,10). Natürlich ist damit nicht gemeint, der Glaube führe zu so etwas wie sündloser Perfektion. Alle wahren Gläubigen verstehen den Hilferuf des Vaters des von Dämonen besessenen kleinen Jungen: »Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24). Die Gläubigen aber werden nach dem Gehorsam trachten, so unvollkommen sie das auch zeitweise verwirklichen mögen. Sogenannter »Glaube« an Gott, der nicht die Sehnsucht danach hervorbringt, sich Seinem Willen zu ergeben, ist überhaupt kein Glaube. Eine den Gehorsam verweigernde Herzenshaltung ist reiner Unglaube.

Glaube, wie Jesus ihn darstellte

Die Seligpreisungen von Matthäus 5,3-12 offenbaren den Charakter des wahren Glaubens besser als jede andere mir bekannte Stelle in der Schrift. In der Einleitung zur Bergpredigt beschreibt unser Herr eine bessere Gerechtigkeit, als die der äußerlichen Frömmigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt 5,20). Diese höhere Gerechtigkeit – so sagt Er – wird von jedem erwartet, der in das Reich der Himmel eingehen will. Daher sollten die von Ihm dargestellten Qualitäten jeden wahren Gläubigen auszeichnen. In dieser Hinsicht sind sie die Merkmale jedes echten Glaubens. Die erste der Seligpreisungen läßt keinen Zweifel darüber, von wem der Herr redet: »Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel« (Mt 5,3). Das sind erlöste Leute, solche, die geglaubt haben. Hier sehen wir, wie ihr Glaube beschaffen ist.

Sein grundlegendes Kennzeichen ist die Demut – die Armut des Geistes und ein Zerbrochensein, das den geistlichen Bankrott anerkennt. Wahre Gläubige sehen sich als Sünder; sie wissen, daß sie nichts vorbringen können, um Gottes Gunst zu erwerben. Darum trauern sie (Mt 5,4) und tragen Leid, was zu wahrer Buße gehört. Das drängt den Gläubigen zur Sanftmut (Vers 5). Er hungert und dürstet nach Gerechtigkeit (Vers 6). Wenn der Herr diesen Hunger gestillt hat, macht Er den Gläubigen barmherzig (Vers 7), reinen Herzens (Vers 8) und zum Friedensstifter (Vers 9). Schließlich wird der Gläubige um der Gerechtigkeit willen verfolgt und geschmäht (Vers 10).

Das ist Jesu Beschreibung des wahren Glaubens. Er fängt mit Demut an und bringt dann Früchte des Gehorsams. Dieser Gehorsam ist nicht nur äußerlich, er kommt von Herzen. Das ist es, was ihn besser macht als die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer. Jesus beschreibt wahre Gerechtigkeit – die Gerechtigkeit aus Glauben (siehe Röm 10,6) – als Gehorsam, nicht nur gegen den Buchstaben, sondern auch gegen den Geist des Gesetzes (Mt 5,21-48). Diese Art von Gerechtigkeit vermeidet nicht nur ehebrecherische Taten; sie geht soweit, sich selbst vor ehebrecherischen Gedanken zu hüten. Sie betrachtet Haß für dasselbe wie Mord. Jesus setzt den Maßstab wirklicher Gerechtigkeit mit der schockierenden Forderung: »Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist« (Mt 5,48).

Natürlich bleibt das ein unerreichbarer Standard. Nachdem Jesus mit dem reichen Jüngling verhandelt hatte und dieser ungläubig fortgegangen war, sagte Er zu Seinen Jüngern: »Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen« (Mt 19,23). Erinnern wir uns noch ihrer Antwort? »Wer kann dann errettet werden?« (Vers 25). Jesu Antwort lautete: »Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.« Die Errettung ist unmöglich. Wir haben keine erlösenden Kräfte in uns. Wir können nicht einmal ohne Gottes Hilfe glauben (Joh 6,44.65). Genauso wenig sind wir in der Lage, den Glauben aus dem menschlichen Willen hervorzubringen. Aber Gott gibt uns aus Gnaden den Glauben und mit ihm alles, was zum Gehorsam und zu einem Leben in Gerechtigkeit notwendig ist (2Petr 1,3).

Gottes Standard ist höher, als wir ihn je erreichen können. Wer das verstanden hat, gelangt auf die Straße des Glaubens, eine Straße, die mit Demut beginnt, aus der das Gefühl und die Erkenntnis äußerster geistlicher Armut hervorkommt. Sie mündet aber unausweichlich in Gerechtigkeit und Gehorsam. Als der Herr den Charakter des rettenden Glaubens demonstrieren wollte, nahm Er ein kleines Kind, stellte es in die Mitte der Jünger und sagte: »Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie dies Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen« (Mt 18,3). Ein Kind ist das vollkommene Bild demütigen Gehorsams, ein Anschauungsobjekt für den rettenden Glauben.

Jesus brauchte dieses Kind, um uns zu zeigen, daß, wenn wir auf den Privilegien des Erwachsenseins bestehen – wenn wir unser eigener Herr sein wollen, unseren Interessen frönen, unser Leben selbst in die Hand nehmen – wir nicht in das Reich der Himmel eingehen werden. Wenn wir aber bereit sind, auf der Basis kindlichen Glaubens und in kindlicher Demut die Errettung anzunehmen und uns willig der Autorität Christi unterwerfen, so kommen wir in der richtigen Haltung. Jesus sagt: »Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren ewiglich« (Joh 10,27.28). Wer sind Seine wahren Schafe? Die Ihm folgen. Was ist mit denen, die Ihm folgen? Sie bekommen ewiges Leben.

Der Glaube gehorcht. Der Unglaube lehnt sich auf. Die Lebensfrucht eines jeden offenbart, ob er ein Gläubiger oder ein Ungläubiger ist. Da gibt es keinen Mittelweg. Bloßes Wissen und Festhalten an Tatsachen, ohne der Wahrheit zu gehorchen, ist kein Glaube im biblischen Sinn. Alle, die nur von der Erinnerung an eine einmal gefaßte »Entscheidung« zehren, deren Leben die Beweise für einen fortgesetzt wirksamen Glauben vermissen läßt, sollten auf die ernste Warnung der Schrift achtgeben: »Wer aber dem Sohne nicht glaubt (eig. gehorcht), wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm« (Joh 3,36).

(aus "Lampen ohne Öl" - von John MacArthur, erschienen bei CLV)


"Nur führt euer Leben würdig des Evangeliums von Christus, damit ich, ob ich komme und euch sehe oder abwesend bin, von euch höre, dass ihr fest steht in einem Geist und einmütig miteinander kämpft für den Glauben des Evangeliums und euch in keiner Weise einschüchtern lasst von den Widersachern, was für sie ein Anzeichen des Verderbens, für euch aber der Errettung ist, und zwar von Gott.
 
Denn euch wurde, was Christus betrifft, die Gnade verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden, so dass ihr denselben Kampf habt, den ihr an mir gesehen habt und jetzt von mir hört." (Philipper 1,27-30)