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Aus "Von der Rechtfertigung durch den Glauben."

- Ein Beitrag zur Rettung des protestantischen Kardinaldogmas von Dr. Eduard Böhl; Wien 1890. -

...Wir schreiben hier keine religiösen Betrachtungen für die Gebildeten unter den Verächtern der Religion, sondern wir wünschen mit Paulus zu gehen und eng an seine Fersen uns zu halten. Die Gerechtigkeit Gottes bestand schon in der ältesten Zeit darin, dass nach einem im obersten göttlichen Urteil und in der Ewigkeit begründeten Rate Gottes dieser Same Christus, nach Gal. 3,16 aller Verheißungen Kern, mit seinem Verdienst (Leiden, Sterben und Auferstehen) die Gläubigen vor Gottes Richterstuhl vertreten und zum ewigen Leben führen sollte.

Gott in seiner reichen Barmherzigkeit und nach seiner Gerechtigkeit findet nichts beim Menschen, sondern er setzt Alles nach Seinem Willen. Er will solche Menschen vor sich haben, die durch ihr ganzes Dasein seine Barmherzigkeit und zugleich seine Gerechtigkeit in Christo Jesu preisen. Damit sie dies könnten, hat er sie geschaffen in seinem Bilde, nach seiner Gleichheit, sodann ihnen ein Gebot gegeben; dann wiederum ihren Fall geordnet, um endlich in der Fülle der Zeiten sie durch Christum zu erlösen!

Und das Zeugnis von dieser Erlösung bieten das Gesetz und die Propheten. Aus diesem Zeugnis erhellt, dass die göttliche Erklärung und das Urteil, dass durch Jesum Christum gerechtfertigt werden sollten die Glaubenden, stets das Erste ist – und alsdann die Erkenntnis dieser Wahrheiten in Kraft des heiligen Geistes den Betreffenden auch im Leben zu Teil wird. Die Gerechtigkeit Gottes oder seine nach Gerechtigkeit bestimmten Maßnahmen zu des Menschen Erlösung sind also nicht abhängig vom Menschen.

Sie werden nicht als ein immerhin prekäres Heilmittel in der Zeit an der Heerstraße der Menschheit gefunden, wo aber noch alles davon abhinge, ob der Mensch diesen Fund auch aufnimmt, also von des Menschen Glauben, sondern es handelt sich hier um ein von Gottes Gerechtigkeit ausgehendes allerhöchstes Verfahren – wonach von Anbeginn alles so verordnet und geregelt wurde – dass Alle durch „Gerechtigkeit Gottes“ gerettet, ohne diese Gerechtigkeit (wie sie nämlich durch Mose und die Propheten bezeugt worden) Niemand gerettet würde.

Weil Gott Vater Christum, seinen lieben Sohn, im Sinne hat, will er überhaupt die Welt, schafft er von Anbeginn Menschen, und schafft eine Welt, worin alles dienen muss, den Menschen zu diesem Punkte hinzutreiben, dass er durch göttliche Imputation der Gerechtigkeit eines Anderen teilhaftig wird und eben damit des Lebens und der Seligkeit (vergl. Eph. 1). Real besteht die Gerechtigkeit des Sünders vor Gott lediglich in Christus, und auf diese wirkliche Gerechtigkeit Christi nimmt Gott Rücksicht, indem er den Gläubigen für gerecht erklärt, d. h. etwas in ihm sieht, das in foro humano nicht da ist, wohl aber in foro divino vorhanden und imputationsweise dem Menschen zu eigen wird – d. h. die Gerechtigkeit Christi...

...Die Imputation der fremden Gerechtigkeit bewahrt allein vor Hochmut und ist der Mittelweg zwischen zwei Extremen, dem Pantheismus und Pelagianismus, grade wie die These von der Schöpfung aus Nichts die goldene Mittelstraße zwischen Pantheismus und Dualismus einschlägt...
...Die Rechtfertigungslehre durch den Glauben ist nun auch nach dem Zeugnis des Gesetzes von Anfang an gemeindebildend (kirchestiftend) gewesen. Sehr mit Recht hat gegen pietistische Zerfahrenheit in der Neuzeit wiederum Ritschl auf den Großen Katechismus Luthers, S. 496 f. gewiesen, um zu zeigen, dass die Rechtfertigung im Schoße einer Kirche erfahren wird. Spiritus sanctus, sagt Luther S. 496, ab officii sui opere Sanctus aut Sanctificator dicendus est – Spiritus sanctus sanctificationis munus exsequitur per sequentia, hoc est, per communionem sanctorum, aut ecclesiam christianorum etc. Hoc est, primum nos ducit Spiritus s. in sanctam communionem suam, ponens in sinum ecclesiae, per quam nos docet et Christo adducit.

Diese Gemeinde (S. 497) ist die Mutter, sie gebiert jedweden Christen und nährt ihn durchs Wort, das der Geist offenbart und predigt, und wodurch er unsere Herzen erleuchtet und entzündet, auf dass sie das Wort annehmen und in ihm beharren. – Dies weist uns darauf, dass die Kirche das Erste ist, und nicht eine pietistische Sammlung der Seelen und alsdann etwa Bildung von Konventikeln, die nun mühsam wieder zu einem Bunde sich zusammentun.

Wirklich finden wir in Adams Hause die erste Gemeinde der Gläubigen, Mann, Weib, Kinder. Wir finden Gottes Wort, Kultus, Opfer und Religion, in aller Einfachheit zwar, aber völlig genügend. Wir finden, dass Adam Gott lobt und dankt (Gen. 4,25), dass Eva sich im Herrn freut (Gen. 4,1), und dass Beide darin dem Herrn gehorsam sind, dass sie den Zugang zum Baum des Lebens nicht erzwingen, sondern von der harten Erde ihr Brot essen und Kinder zeugen.

Wir vernehmen, dass sie ihre Kinder die Opfer gelehrt und Zucht geübt, sofern sie Kain aus ihrem Hause ziehen ließen und, was ihnen schwer genug ankommen mochte, keine Gemeinschaft weiter mit ihm pflegten. Erst mit Seth atmen die lange gedrückten Eltern wieder auf, und weissagen einen Fortgang der Kirche (Gen. 4,25).

Die Verderbnis, welche durch die Vermischung der kainitischen und sethitischen Linie auf Erden entstand, machte die Sintflut nötig – aber in Noahs Arche fand sich die neue Kirche zusammen, die alsbald durch das Wort, den Glauben an das Wort, speziell Jehova, den Gott Sems, sich betätigte und zusammengehalten ward.

Bald nach der Sintflut sehen wir Noah Gott Opfer bringen auf der erneuerten Erde – es werden ihm gewisse Lebensordnungen bestätigt und eingeschärft, die dem Leben in der Gemeinschaft dienlich sind (Gen. 9,1-6), und endlich wird dem Noah ein Bund nebst Bundeszeichen zu Teil, d. h. eine Garantie für jeglichen geistlichen und leiblichen Segen, mit welchem den Menschen zu überschütten Gott nicht aufhören will, solange die Erde steht (Gen. 8 und 9). Im Opfer konzentriert sich der Kultus auch hier.

Enger gemacht wird diese Gemeinschaft mit Übergehung vieler Zweige an dem Ölbaum der Menschheit in der Zeit Abrahams. Wir streichen hier nicht in die Luft, wenn wir Abrahams Glauben erstlich in Beziehung zu Christus setzen; denn das Schlagwort „Same“ ist nach Gal. 3,16 aus seiner Geschichte entnommen. Christus ist nach Matth. 1,1 Sohn Abrahams. Abraham sah seinen Tag (Joh. 8,56). Und von diesen Voraussetzungen aus verstehen wir erst Jesu Wort: Das Heil kommt von den Juden (Joh. 4,22).

Dass aber speziell dem Abraham sein Glaube (an Christum) zur Gerechtigkeit gerechnet wird, wissen wir aus der Schrift (Gen. 15,6) und daraus, dass in Gal. 3 und Röm. 4 mit obiger Genesisstelle fast ausschließlich operiert wird. Diese Stelle nebst Habak. 2,4 sind die sedes doctrinae de iustificatione und mit Abraham steht und fällt diese Lehre. Gelingt es uns nicht, in dieser Geschichte Abrahams die innerste ratio der Rechtfertigungslehre zu entdecken – so bleibt’s dabei, dass wir (wie die Gegner behaupten) im Neuen Testament nur mit einer paulinischen Lehrmeinung zu tun haben – an die dann sich zu binden lediglich von der Willkür der Theologen abhängt.

Was war Abraham oder zunächst Abram? Er war ein Solcher, der im Götzendienst zu ertrinken in Gefahr stand. Sein Vater war nicht einmal zu bewegen, über Haran hinaus mitzuziehen! Er ist ein ἀσεβής (Gottloser) – aber doch ein Kind der Erwählung und aus einer an heiligen Erinnerungen reichen Familie herausgenommen, um alsbald eine neue zu bilden.

Er gehört zu Sems Geschlecht, ist nicht aus Ham oder Japhet; ohne Verdienst einerseits, ist er andererseits durch die zugerechnete Gerechtigkeit, in Kraft der Verheißung, die an Sems Linie sich gebunden hat, ein durch den Glauben gerechter Heiliger und Geliebter Gottes, ohne dessen Mitwissen (Gen. 18,17) Gott nichts Wichtigeres vornimmt – ein Erbe der Welt und Vater nicht nur der Beschneidung, sondern derer, die in den Fußtapfen des Glaubens wandeln, welchen Abram bereits bewiesen als Unbeschnittener (Römer 4).

Diese Beschneidung erhielt er erst obendrein als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er als Gottloser (Röm. 4,5) gehabt und nicht durch Werke sich verdient hat. Solches alles empfängt Abram lediglich durch Zurechnung. Denn ein göttlicher Ruf muss ihn aus den Banden der Familie herausreißen, in denen er sonst gestorben und verdorben wäre, und muss ihn in ein Land weisen, welches er nicht kannte, um hier reich an Nachkommenschaft zu werden, wie am Himmel die Sterne zahllos sind, und der Sand am Meere.

Es wäre lächerlich, alle solche erdrückenden Vorrechte auf die Schultern eines sterblichen Menschen zu laden – wenn nicht die Gnade Gottes hier in Betracht käme und das Abgehen auf den Tag Christi, welchen Abram vorbereitet. Und wie Abram solcher Vorrechte teilhaftig ward – das erklärt sich nun in der Weise, dass ihm durch Imputation, mit anderen Worten: durch freie göttliche Gnade, die fremde Gerechtigkeit geschenkt wurde, welche vom Haupt auf die Glieder, von Christus auch auf Abram herabkam.

So sehr also Abram, sofern er auf seine eigne Abkunft und eignes Wesen sah, alle Ursache hatte, demütig zu sein, so konnte er, soweit es Gottes Gnade betraf, die an ihm sich groß erwiesen, nicht stolz genug sein. Es tritt uns die wunderbare Gerechtigkeit Gottes strahlend schon aus der Geschichte eines Abraham entgegen.

Dem, der ein verkommener Aramäer heißt in dem bekannten Weihgebet (Deut. 26,5), tritt Gott aus reiner, unergründlicher Liebe entgegen, nimmt ihn heraus aus seinem Vaterlande und seiner Freundschaft und setzt ihn zum Anfänger von etwas ganz Neuem. Es umspielen diese Geschichte Gedanken Gottes, die im ewigen Rate erdacht sind.

Abraham wird Vater der Gläubigen, nachdem er selbst zuerst als Gottloser durch den Glauben gerechtfertigt worden, ein Gottloser, dem in der Verheißung des Samens Gerechtigkeit Gottes entgegenstrahlt – und dem im Opfer Isaaks ein Licht mitten in der Finsternis aufgesteckt war, wie es mit dem Samen sich verhalten werde, nämlich also: dass Gott ihn als den Anfänger und Vollender des Glaubens aus den Toten ausführen werde, woher ihn denn auch Abraham im Gleichnis zurücknahm (Hebr. 11,19).

Abraham ist Christi Vater und Vorbild. Denn kaum gerechtfertigt, kaum selbst geheiligt und erlöst, muss er alsbald ein Vorgänger derer werden, die im Glauben, seinen Fußtapfen nachfolgend, der gleichen Gerechtigkeit teilhaftig werden. Gewiss wunderbare Wege Gottes, wo sofort an die Imputation sich das Äußerste knüpft, was von einem Christen und dessen „Gewordensein“ nur jemals ausgesagt werden kann. Diese Weise, die mit Abraham eingehalten wird, ist eben freie Schöpfung der Gnade, die nicht auf Menschen harrt.

Und so sehr es einerseits seine Richtigkeit hat, dass der Christ nicht steht im Gewordensein, sondern im Werden, so steht doch andererseits ebenso fest, dass er steht im Gewordensein und nicht im Werden. Das Geheimnis der Schöpfung wiederholt sich in der Rechtfertigung durch den Glauben, welchen Gott wirkt und dem Er selbst den Inhalt verleiht; in der Heiligungslehre setzt sich die Lehre von der Welterhaltung fort.

Aber was aus dem Gerechtfertigten unter des heiligen Geistes Behandlung weiter wird, das ist alles schon im Momente der Rechtfertigung wie in einem Punkt zuammengefasst und beschlossen. Auch bei der Geschichte Abrahams haben wir von jedem Eingießen neuer Qualitäten abzusehen – Gott hat den Gottlosen gerechtfertigt (Röm. 4,5), d. h. ihn so angenommen, als ob er alle Gerechtigkeit selbst geleistet, die doch nur der „Same“ Abrahams, in welchem alle Völker gesegnet werden, Gott dargebracht hat und darbringen soll.

Denn es hat Gott seit dem Protevangelium (Gen. 3,15) gefallen, dass in diesem Samen sich alle Fülle niederlassen sollte, um von ihm auf die Anderen überzufließen. Wenn dann Jakobus (2,20 ff.) auf das Gehorsamswerk Abrahams, da derselbe seinen Sohn opferte, reflektiert, so tut er das nicht, ohne zu sagen, die Schrift (Gen. 15,6) sei erfüllt worden, die da spricht: Abraham hat Gott geglaubet und ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.

Das Verhältnis, in dem Abraham anfänglich zu Gott stand, ist nicht geändert; er ist und bleibt derselbe, und seine Gedanken, als er Isaak auf Moria opferte, bewegten sich doch nur um das Eine: Gott kann auch aus Toten erretten – und war die Tat also kein stupides Werk, wie die Römischen solches daraus folgern möchten, sondern ein actus purissimus fidei. Als ob Abraham Gott gesagt hätte: Du tust es doch nicht, und wenn du es tust, so gibst du mir denselben wieder, – du kannst dich nicht verleugnen!

Es verhält sich die Sache nicht so, dass wir sagen müssten: Erst Glaube – alsdann Werk! Sondern "aus Glauben zum Glauben" (nach Röm. 1,17). Der Glaube hat mitgewirkt an seinen Werken und durch die Werke ist der Glaube zur vollen Darstellung dessen, was in ihm war, gelangt. Dabei ist nicht dies die Meinung, dass Glaube und Werk wie große und kleine Perlen an einem Rosenkranz etwa abwechseln würden – sondern auch im Gerechtfertigten sind der Sünden so viele, dass er beständig ein Gottloser bleibt.

Nur wenn er dann sich auf die Probe gestellt sieht und zwischen Gott und Belial zu wählen hat, wenn er zwischen Wahrheit und Lüge (wie die Gemeinden des Jakobusbriefes) gestellt erscheint – dann wählt der Glaubende Gott und die Wahrheit, und sein Werk ist gut; es erfüllt sich in dem Werke sein Glaube, der im entscheidenden Fall allein bestimmend des Menschen Werke wirkt. –

Charakteristisch für den durch den Glauben Gerechten ist das Urteil 1. Kön. 11,4: „Da Salomo nun alt war, neigten seine Weiber sein Herz fremden Göttern nach, dass sein Herz nicht ganz war mit dem Herrn, wie das Herz seines Vaters David“.

Solches konnte von Abraham so wenig wie von David gesagt werden, dass ihr Herz nicht ganz gewesen mit dem Herrn. Der durch den Glauben Gerechte hält das erste Gebot; ja er kennt im Grunde genommen kein anderes, als das erste. Gott – ihr Gott, der sie aus Ägyptenland geführt (erlöst) – und sie sein Volk!

Unter diesem leuchtenden Gestirn waren alle Kinder Israels geboren – es war der Gnadenbund, der in der Wüste, vor der Gesetzgebung schon, sie zu einem Königreiche von Priestern und heiligem Volke kreierte (Exod. 19,6).

Das Gewordensein, die Gnade, die am Anfang ihr Füllhorn ausschüttete, leuchtete ihnen in der Nacht des Auszugs aus Ägypten. In dieser Nacht wurde Israel, unter dem Zeichen des sühnenden Passablutes, geboren und ein heiliges Volk des Herrn: Alles durch Imputation. Der Vogel hat ein Haus gefunden, und die Schwalbe ihr Nest, da sie Junge hecken (Ps. 84,4), nämlich deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott. Was Coccejus von einem Werkbund am Sinai träumte, ist pur eingetragen in die heilige Geschichte.

Um des Bundes willen, den Gott gemacht mit seinen Knechten Abraham, Isaak und Jakob, wurde Israel zu Gnaden angenommen, und zwar zu Anfang, in der Mitte und am Ende. Die ganze Geschichte Israels ist die Geschichte davon, wie Gott das Werk, das er in diesem Volke durch seine Barmherzigkeit angefangen, zu seinem Ruhme und zur Kenntnisnahme für die ganze Welt vollendet hat.

Und so oft sie ihn erzürnten, hat er sie zwar gestraft, aber, wie es im Liede Moses (Deut. 32) durchgeführt wird, um seines Namens und seines Bundes willen immer wiederum angenommen und die Plagen (die Feinde) abgewendet. Die geschichtlichen Psalmen 105, 106, 136 sind nur ein Lobpreis seiner Gnade, diesem spezifischen Bundesverhalten Gottes im Verband mit seiner Treue (chesed veemeth); von einem Werkbund am Sinai wissen sie nichts.

Der ganze Zuschnitt der Geschichte Israels ist der Glaubensgerechtigkeit gemäß; ohne diese Lehre wäre sie ein Labyrinth; nur sie gibt uns den leitenden Faden in die Hand. Es gibt fortan nur Glaubende nach dem Vorbild des Vaters Abraham – die dann auch das Siegel der Gerechtigkeit aus dem Glauben mit allem Fug und Recht an sich tragen (d. h. die Beschneidung), und andererseits gibt es Ungläubige in Israel.

Das charakteristische Unterscheidungszeichen aber ist nicht, dass die Ungläubigen keine Werke und die Gläubigen wohl Werke aufzuweisen hätten. Nein die Rollen scheinen etlichermaßen vertauscht zu sein. Schon im Großen und Ganzen ist das gesetzliche Tun der Werke der Zeit nach dem Exil eigentümlicher, als der Zeit vor dem Exil, der eigentlichen klassischen Zeit Israels; weshalb dann eine neuere, alttestamentliche Schule die Propheten vor das Gesetz stellt.

Aber auch im Einzelnen sind David oder Gideon, Simson und Jephta keine Muster der Gesetzeserfüllung. Und dennoch sind sie die Zeugen des Hebräerbriefes Kap. 11, und das Israel κατὰ πνεῦμα fühlt sich ihnen verwandter, als dem fleischlichen Israel. Zu Christi Zeit waren die Pharisäer die Leute der gesetzlichen Observanz, und die Jünger Jesu einem schwankenden Rohr vergleichbar, die vielfach Anstoß gaben, und zu allem anderen, als zu Lehrern der Völker geschickt erschienen. Das charakteristische Unterscheidungszeichen muss anderswo gesucht werden. Es ist der Unterschied, welchen Paulus Röm. 9,30-33 andeutet.

Die Einen haben es nicht, und sie haben es doch; die Anderen haben es, und haben es doch nicht. Die Heiden, die Blinden (Joh. 9,39), die große Sünderin (Luk. 7), sie haben die Gerechtigkeit nicht – und haben sie doch erlangt, nämlich die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt. Die Anderen, Israel, die Sehenden (Joh. 9,41), der Pharisäer Simon, sie haben zwar dem Gesetz (Richtmaß) der Gerechtigkeit nachgestrebt, aber haben es nicht überkommen.

Warum nicht? Darum dass sie es nicht aus Glauben, sondern als ob es aus Werken eines Gesetzes kommen müsse, suchen. Dabei sind sie angelaufen gegen den Stein des Anstoßes, dem in Zion ein für allemal gelegten: d. h. Christo und seiner Gerechtigkeit, der fremden, die dem Gottlosen und nicht Gesetztreibenden zugerechnet wird.

Das Eigentümliche der durch den Glauben Gerechten ist also, dass sie das erste Gebot halten, oder aber dass ihr Herz ganz ist mit dem Herrn, und dabei sieht Gott ihnen ihre Sünden und Schwachheiten zwar nicht nach, aber er verwirft sie deshalb nicht. Die Ungläubigen aber und Pharisäer verfolgt er mit seinem Zorn, wenn sie auch noch so viele Werke haben.


"Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen; denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben«." (Röm. 1, 16-17)

"Deshalb beten wir auch allezeit für euch, dass unser Gott euch der Berufung würdig mache und alles Wohlgefallen der Güte und das Werk des Glaubens in Kraft zur Erfüllung bringe, damit der Name unseres Herrn Jesus Christus in euch verherrlicht werde und ihr in ihm, gemäß der Gnade unseres Gottes und des Herrn Jesus Christus." (2. Thess. 1,11-12)

"Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden den Namen erhält, dass er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit verleihe, durch seinen Geist mit Kraft gestärkt zu werden an dem inneren Menschen, dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne, damit ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, dazu fähig seid, mit allen Heiligen zu begreifen, was die Breite, die Länge, die Tiefe und die Höhe sei, und die Liebe des Christus zu erkennen, die doch alle Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet bis zur ganzen Fülle Gottes.

Dem aber, der weit über die Maßen mehr zu tun vermag, als wir bitten oder verstehen, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen." (Eph. 3,14-21)