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Ob sie glauben, daß unsere Werke, die wir in der Liebe vollbringen, des ewigen Lebens billig verdienstlich sind?

Antworte ich klar und ausdrücklich: Alle guten Werke, auch derer, so wiedergeboren sind, verdienen mit nichten das ewige Leben; sondern der Mensch wird zugleich ohne Verdienst, um des Sohnes Gottes willen „allein“ durch den Glauben gerecht, und durch den heilgen Geist lebendig gemacht, und ein Erbe des ewigen Lebens, wie Paulus mit klaren Worten ausdrücklich saget Röm. 6, 23.: „Die Gabe Gottes ist das ewige Leben“; und Joh. 3, 16. spricht der Herr Christus: „Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Item Joh. 17, 3.: „Das ist das ewige Leben, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen“. Item 1 Joh. 5, 12.: „Wer den Sohn Gottes hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht.“ - Es wird aber auch diese Lehre durch die Gegenlehre erkläret: „Vor dir ist kein Lebendiger gerecht“, Ps. 143, 2. Item, Hiob 9, 2.: „Ich weiß fast wohl, daß der Mensch nicht gerecht sei vor Gott“. Daraus muß ja folgen, daß durch unsern Gehorsam das ewige Leben nicht verdienet noch erlanget werde, oder auch derselbe Gehorsam würdig sei des ewigen Lebens.

Man soll aber die Sünde nicht verkleinern, noch geringe achten, welche in den Heiligen in diesem zeitlichen Leben noch übrig ist, die denn die Heiligen je mehr und mehr erkennen und beweinen, je mehr sie im Glauben wachsen und zunehmen, wie S. Paulus, Röm. 7, 23., sagt: „Ich sehe ein ander Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüthe, und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern“. -

Es ist in den Heiligen ein überaus großer und erschrecklicher Chaos und ungestüm Meer des Zweifels, mit dem doch das Fünklein des Glaubens, welches durch den Sohn Gottes angezündet ist, durch die Predigt des heiligen Evangelii und heiligen Geiste, für und für kämpft und streitet, und geschieht solcher Kampf nicht ohne überaus große Schmerzen.

Darnach fühlen sie auch noch in sich große Ungeduld und Anreizung zur Rachgierigkeit, lieben Haß und Neid rc. Von dem Allen sagt Paulus Römer 8, 13.: „Wo ihr durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödtet, so werdet ihr leben“. Item, Röm. 6, 12.: „So lasset nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihr Gehorsam zu leisten in ihren Lüsten. Auch begebet nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit.“

Derhalben ist hoch von Nöthen, daß ein Unterschied zwischen der herrschenden und nicht herrschenden Sünde gemacht werde. Und soll das rasende und tolle Geschrei der Gesetzstürmer (Antinomer) verdammt und verworfen werden, welche eine Sicherheit des Fleisches anrichten und stärken, die Bekehrung ganz und gar unterdrücken, und mit unverschämten Worten erdichten dürfen, daß auch die Menschen, welche in Sünden wider's Gewissen fallen, vor Gott durch den Glauben gerecht seien. - Dieselbe teuflische und abgöttische Lehre verdammen und verwerfen wir klar und ausdrücklich, sagen aber auch daneben, daß der neue Gehorsam mit nichten ein Verdienst sei des ewigen Lebens.

Und damit man das Volk desto besser davon lehren und unterrichten könne, brauche ich dieser drei Erinnerungen in diesem Stücke, hindere und wehre nicht, so Jemand weitläufiger davon will reden, Aber das weiß ich gleichwohl daneben, daß ich das sage, was klar, recht und einem jeden Menschen zu wissen vonnöthen ist. -

Für's Erste muß der Mensch in der Bekehrung gewiß glauben, daß die Person Gotte, um des Sohnes Gottes willen, aus Gnaden, ohne ihr Verdienst, allein durch den Glauben gefalle und angenehm sei. -

Zum Andern sollen wir wissen und bekennen, daß wir mit nichten dem Gesetz Gottes genugthun, sondern daß uns noch überaus viel Sünden anhangen und ankleben, die wir denn mit wahrhaftigem Schmerzen beklagen und beweinen sollen. -

Zum Dritten sollen wir wissen, daß dennoch der neue Gehorsam müsse in uns angefangen werden. Item, daß in uns ein guter Vorsatz sein müsse, daß wir nicht in Sünde widers Gewissen fallen. Item, daß derselbe angefangene Gehorsam, ob er gleich schwach und sehr gering ist, doch gleichwohl, um des Mittlers willen, Gott in denen gefalle, die sich zu ihm bekehrt haben, die erstlich ihrer Schwachheit widerstreben, darnach auch glauben, daß ihnen dieselbe um des Mittlers willen verziehen und vergeben werde.

Diesen Kampf und Uebung des Glaubens soll ein jeder Mensch in der täglichen Uebung fleißig betrachten. Und obgleich solcher Gehorsam mit nichten ein Verdienst ist des ewigen Lebens, so hat er doch, was die Verheißung von den Werken: „Gebet, so wird euch wiedergegeben“ und andere dergleichen belanget, auch in diesem Leben geistliche und zeitliche Belohnung nach Gottes Willen und Schickung zu gewarten, als: Linderung vieler gemeinen und eines Jeden insonderheit Strafen, wie denn die Wittwe zu Sarepta in der Theurung ernähret wird 1 Kön. 17., und dem Kämmerer Ebendenlech wird Errettung in der Zerstörung Jerusalems zugesagt, daß er den Propheten Jeremias aus der Grube gezogen hatte. Jerem. 38. Item Jesaias sagt im 33. Kap. 16. V.; „Sein Brod wird ihm gegeben, sein Wasser hat er gewiß. Deine Augen werden den König sehen in seiner Schöne“. Item Matth. 10,42.: „Wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränket, in eines Jüngers Namen, wahrlich ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben“. Item, 1 Korinth. 11, 31.: „So wir uns selbst richteten, so würden wir nicht vom Herrn gerichtet“.

Quelle: Klaiber, Karl Friedrich - Evangelische Volksbibliothek, Band 1

 


 

Philipp Melanchthon - Von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott, An Johann Brentius.

Eure lange Schrift habe ich empfangen, bin lustig und fröhlich darüber worden: Ich bitte euch, ihr wollet oft und viel an mich schreiben.

Ich vernehme und merke wohl, was euch bewegt und anficht des Glaubens halben, weil euch noch im Sinne liegt St. Augustini Meinung, der so fern kommen ist, daß er vermeinet, daß die Gerechtigkeit der Vernunft vor Gott nicht gerechnet werde zur Gerechtigkeit. Diese Meinung ist recht.

Weiter ist seine Meinung, daß wir für gerecht gerechnet werden, des Gesetzes Erfüllung halben, die der heil. Geist in uns wirket. Also gedenkt ihr auch, daß der Mensch durch den Glauben in so fern gerecht werde, weil wir durch den Glauben den heil. Geist empfahen; daß wir also gerecht seyen durch Erfüllung des Gesetzes, aus Hülfe des heil. Geistes.

Dieser Verstand setzt und gründet die Erfüllung auf unsere Reinigkeit oder Vollkommenheit. Die Erneuerung, so der heil. Geist in uns wirket, soll zwar dem Glauben folgen, wir werden aber dadurch vor Gott nicht gerecht. Darum sehet gar nicht auf die Erneuerung noch auf's Gesetz, sondern habt nur Achtung auf die Verheißung, und halt's für gewiß, daß wir um Christi willen gerecht, das ist, angenehm vor Gott sind, und Frieden des Gewissens finden, und nicht um dieser Erneuerung willen. Denn diese Erneuerung ist nirgend gnugsam, darum sind wir allein durch den Glauben gerecht, nicht darum, daß er also glaubet, wie ihr schreibet, sondern daß er Christum ergreift, um welches willen wir angenehm sind, es stehe um unsere Erneuerung wie es kann. Wiewohl sie nothwendig folgen muß, sie vermag aber das Gewissen nicht zufrieden zu stellen.

Darum macht nicht die Liebe, welche des Gesetzes Erfüllung ist, sondern allein der Glaube gerecht, nicht daß er eine Vollkommenheit in uns ist, sondern allein daß er Christum fasset. Daß wir also nicht gerecht sind, von wegen der Liebe, noch Erfüllung halben des Gesetzes, auch nicht um unserer Erneuerung willen, ob sie wohl Gaben des heiligen Geistes sind; sondern um Christi willen, welchen wir allein durch den Glauben fassen und ergreifen.

Augustinus erlangt St. Pauli Meinung und Verstand nicht gnugsam, wiewohl er näher dazu kömmt, denn die Schul-Theologen. Und ich ziehe Augustin darum an, daß er bei allen ein groß Ansehen hat, wiewohl er nicht genugsam erkläret des Glaubens Gerechtigkeit.

Glaubet mir, lieber Brentz, es ist ein großer, darzu ein finsterer Zank und Hader über der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen ihr alsdenn recht verstehen werden, wenn ihr allerdings die Augen wendet vom Gesetz und von Augustins Meinung, von Erfüllung des Gesetzes, und richtet euer Gemüth allein auf die bloße Verheißung, und gewiß haltet, daß wir um Christi willen gerecht, das ist, Gott angenehm sind und Frieden finden.

Dieses ist der rechte Verstand, welcher die Ehre Christi verkläret und hoch preiset, und die Gewissen über die Maaßen aufrichtet und tröstet. Ich versuchte zwar dasselbe in der Apologia klar darzuthun; aber es wollte sich nicht schicken um der Widersacher willen, die alles übel deuten und verkehren, also deutlich zu reden, wie ich jetzt mit euch rede, wiewohl ich eben diese Meinung angezeiget habe.

Lieber, wenn würde doch das Gewissen Fried und Hoffnung haben, wenn es halten sollte, daß wir alsdann erst vor Gott für gerecht gehalten würden, wenn die Erneuerung in uns vollkommen wäre? Was wäre das anders, denn durch das Gesetz, nicht durch die Verheißung, und aus Gnaden gerecht werden?

Droben habe ich gesagt: So die Rechtfertigung (wie man vor Gott soll gerecht werden), der Liebe zugeeignet wird, so werde sie unserm Werk zugeeignet. Hie verstehe ich das Werk, so der heilige Geist in uns thut oder wirket. Item, daß der Glaube allein gerecht macht, nicht derohalben, daß er ein neu Werk des heiligen Geistes in uns ist; sondern daß er Gottes Barmherzigkeit, in Christo uns angeboten und geleistet, ergreift und mit Freuden und Dank annimmt rc. Um welches willen wir angenehme sind, nicht um der Gaben willen des heiligen Geistes in uns.

Diese Sache werdet ihr leichtlich verstehen, wenn ihr des Augustini Verstand und Meinung fahren lasset; auch wird euch, als ich hoffe, unsere Apologia darzu dienen, und dazu helfen, wiewohl ich von so wichtiger Sache noch schlecht und furchtsam rede, welches auch nicht kann verstanden werden ohne Kampf des Gewissens.

Das Volk soll allerdings hören die Predigt des Gesetzes und der Buße, indeß soll gleichwohl dieser Verstand des Evangelii nicht verschwiegen bleiben. Ich bitte euch, ihr wollet mir wieder schreiben, was ihr beide von dieser meiner Schrift und Apologia haltet, und anzeigen, ob euch auf dießmal genugsam geantwortet sey auf eure Frage. Gehabt euch wohl!

 

Zusatz Doctor Martin Luthers, auf die vorhergehende Schrift Philipp Melanchthons.

Und ich mein lieber Brentz, daß ich die Sache besser verstehe und fasse, pflege also zu gedenken, als wäre in meinem Herzen keine Qualität oder Tugend, die Glaube und Liebe heiße (wie die Sophisten darvon reden und träumen); sondern ich setze es gar auf Christum, und sage: meine formalis Justitia, das ist, gewisse, beständige, vollkommene Gerechtigkeit, daran kein Mangel noch Fehl ist, sondern ist wie sie vor Gott seyn soll, die ist Christus mein Herr.

Auf daß ich mich also frei mache, und herauswirke von dem Anblick des Gesetzes, und der Werke, ja auch von dieses Christi, der mir vorkömmt, und verstanden wird, als sey er entweder ein Lehrer oder Geber. Nicht also, sondern ich will, daß er selbst meine Gabe und Lehre sey, daß ich alles in ihm habe, wie er spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben: Sagt nicht, ich weise oder gebe dir den Weg, die Wahrheit und das Leben, als würket er solches in mir, und wäre doch anderswo außer mir; nein, in mir soll er seyn, bleiben, leben, reden, 2. Kor. 5, auf daß wir würden in ihm, in Christo die Gerechtigkeit die nur Gott giebt.

Martinus Luther, Dr.

 

Quelle: Sander - Der Menschenfreund


"Denn was sagt die Schrift? »Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet«. Wer aber Werke verrichtet, dem wird der Lohn nicht aufgrund von Gnade angerechnet, sondern aufgrund der Verpflichtung; wer dagegen keine Werke verrichtet, sondern an den glaubt, der den Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.

Ebenso preist auch David den Menschen glückselig, dem Gott ohne Werke Gerechtigkeit anrechnet:  »Glückselig sind die, deren Gesetzlosigkeiten vergeben und deren Sünden zugedeckt sind; glückselig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet!«" (Römer 4,3-8)